Das Wichtigste in Kürze

  • Jedes Material hat eine Geschichte, die über den ökologischen Fußabdruck hinausgeht.

  • Im Rahmen einer Pilotstudie zur sozialen Lebenszyklusanalyse (Social Life Cycle Assessment, S-LCA) wurden Menschen, Gemeinschaften und Strukturen untersucht, die mit der Beschaffung von Naturkautschuk in Verbindung stehen.

  • Das Verständnis dieser Zusammenhänge kann dazu beitragen, verantwortungsvolle Beschaffungsentscheidungen fundierter zu treffen.

Architekten und Planer verfügen heute über deutlich mehr Informationen zu den Auswirkungen von Produkten als noch vor wenigen Jahren.

Umweltproduktdeklarationen (Environmental Product Declarations, EPDs) machen ökologische Auswirkungen messbar. Gesundheitsproduktdeklarationen (Health Product Declarations, HPDs) geben Einblick in die Inhaltsstoffe von Produkten. Gemeinsam schaffen sie mehr Transparenz über die Umwelt- und Gesundheitsaspekte von Materialien.

Doch was ist mit den Menschen und Gemeinschaften, die hinter diesen Materialien stehen? 

Die Gewinnung von Naturkautschuk sichert den Lebensunterhalt von Landwirten, Arbeitern und ihren Familien als auch den lokalen Gemeinschaften. Im Süden Vietnams beginnt der Arbeitstag schon lange vor Sonnenaufgang. Kautschukbäume werden in den kühleren Morgenstunden angeritzt und der Rohstoff gesammelt, bevor die Temperaturen steigen. Für die beteiligten Familien und Arbeiter sind diese Abläufe fester Bestandteil ihres Alltags und ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Wer die Auswirkungen eines Produkts verstehen möchte, muss deshalb über das Produkt selbst hinausblicken und die Menschen in den Mittelpunkt rücken, die an seiner Entstehung beteiligt sind.

Für Interface ist dieser ganzheitliche Blick eng mit dem Ziel verbunden, bis 2040 CO₂-negativ zu werden. Innovation, Transparenz und die Zusammenarbeit entlang der Lieferkette spielen dabei eine zentrale Rolle. Das ist ein Grund, warum wir neue Wege erkunden, um die sozialen Bedingungen im Zusammenhang mit unseren Materialien zu verstehen.

Den Zusammenhang zwischen Material und Auswirkungen auf die Gemeinschaft herstellen

Im Jahr 2024 wurde die Norm ISO 14075:2024 veröffentlicht, der erste internationale Rahmen, der speziell als Leitfaden für soziale Lebenszyklusanalysen entwickelt wurde. Er schafft einen strukturierten Ansatz zur Bewertung der sozialen Bedingungen, die mit Produkten und Materialien entlang einer Wertschöpfungskette verbunden sind.

Auf Basis dieses Standards hat Interface eine Pilotstudie durchgeführt, die sich auf den Naturkautschuk konzentriert, der in ausgewählten nora® Bodenbelägen eingesetzt wird.

Wir wollten mehr über die sozialen Bedingungen im Zusammenhang mit einem unserer Rohstoffe erfahren und eine Ausgangsbasis schaffen, die langfristig als Grundlage für verantwortungsvolle Beschaffungsentscheidungen dienen kann.

Das bedeutete, über reine Datensätze hinauszugehen und Zeit dort zu verbringen, wo die Beschaffung von Naturkautschuk beginnt – im direkten Gespräch mit den Menschen, die mit dem Material in Verbindung stehen, und ihren Gemeinschaften.

Die Untersuchung umfasste:

  • Arbeiter
  • Landwirte
  • lokale Gemeinschaften
  • Beziehungen innerhalb der Lieferkette im Zusammenhang mit der Beschaffung und Verarbeitung von Naturkautschuk

Die Pilotstudie zeigt beispielhaft, wie die Bewertung sozialer Auswirkungen innerhalb einer Materiallieferkette unter Verwendung eines strukturierten internationalen Rahmens angewendet werden kann. Es ist zudem die erste ISO-konforme S-LCA eines Bodenbelagsherstellers, die gemeinsam mit einem Lieferanten speziell auf die Beschaffung von Naturkautschuk ausgerichtet wurde.

Um soziale Auswirkungen zu verstehen, muss man über die Daten hinausblicken

Viele soziale Bewertungen stützen sich auf bestehende Forschungsergebnisse, Branchendaten und allgemeinere Informationen auf Länderebene.

Diese Quellen sind wichtig. Soziale Auswirkungen sind jedoch häufig stark von lokalen Gegebenheiten abhängig. Was auf nationaler Ebene zutrifft, muss nicht zwangsläufig die Situation in einer bestimmten Gemeinde, an einem konkreten Arbeitsplatz oder innerhalb einer einzelnen Lieferkette widerspiegeln.

Naturkautschuk veranschaulicht diese Herausforderung. Bevor er zu einem Bodenbelag verarbeitet wird, durchläuft er zahlreiche Stationen und Akteure aus Landwirten, Arbeitern, Verarbeitern, Händlern und Herstellern.

Um die sozialen Auswirkungen besser zu verstehen, ist ein Blick an den Anfang der Lieferkette erforderlich. Im Rahmen der Studie hat Interface:

  • Standorte besucht, die mit dem Anbau, der Ernte und der Verarbeitung von Naturkautschuk in Vietnam in Verbindung stehen;
  • Vor-Ort-Besuche und Interviews mit Arbeitnehmern, Landwirten und Gemeindemitgliedern durchgeführt;
  • Themen wie Löhne, Arbeitsbedingungen, Gesundheit und Sicherheit, Weiterbildung, Lebensunterhalt, Kommunikation mit den Arbeitnehmern sowie Auswirkungen auf die Gemeinschaft untersucht;
  • die Ergebnisse anhand geltender Gesetze, internationaler Normen und des ISO-Rahmenwerks bewertet.

Die direkten Gespräche und Beobachtungen ergänzten die klassischen Datenquellen um wertvolle Einblicke aus erster Hand. Zusammen lieferten sie ein differenzierteres Bild der Menschen und Lebensrealitäten entlang der Lieferkette.

Die menschliche Seite der Materialtransparenz

Umweltdaten und Materialdeklarationen haben unseren Blick auf Produkte grundlegend verändert. Informationen zu sozialen Auswirkungen können diese Perspektive erweitern.

Während Architekten und Planer oft erst gegen Ende des Lebenszyklus mit Materialien in Berührung kommen, entstehen viele der mit diesen Materialien verbundenen Auswirkungen bereits viel früher – dort, wo Rohstoffe angebaut, geerntet, verarbeitet und gehandelt werden.

Dieses Pilotprojekt ermöglicht einen vertieften Einblick in die Lieferkette von Naturkautschuk – vom Baum bis zum Transport – und zeigt, welche Menschen entlang dieses Weges beteiligt sind.

Für Architekten und Planer können diese Informationen fundiertere Gespräche über verantwortungsvolle Beschaffung, Materialtransparenz und verantwortungsvolle Spezifikation unterstützen.

Mehr Transparenz schafft bessere Entscheidungsgrundlagen

Die Pilotstudie soll nicht alle Antworten liefern. Vielmehr dient sie dazu, den aktuellen Stand besser zu verstehen und Ansatzpunkte für weitere Verbesserungen zu identifizieren.

Die Bewertung identifizierte Stärken und Chancen, die als Grundlage für das künftige Engagement und kontinuierliche Verbesserungsmaßnahmen dienen können:

Stärken

Dies sind Ergebnisse, die uns ermutigen:

  • Die Beschäftigten verdienten etwa das 2,41-Fache des regionalen Mindestlohns.
  • Viele Landwirte berichteten von vergleichsweise stabilen wirtschaftlichen Perspektiven durch die Naturkautschukproduktion.
  • Langjährige Handelsbeziehungen basierten häufig auf Vertrauen und Zusammenarbeit.
  • Lokale Unterstützungsprogramme leisten einen positiven Beitrag für die Gemeinschaften vor Ort.

Chancen

Gleichzeitig wurden Bereiche identifiziert, in denen weiteres Engagement sinnvoll sein kann:

  • Verbesserung der Kommunikation und Umsetzung von Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen;
  • Erhöhung der Schulungshäufigkeit und Sensibilisierung;
  • Verbesserung der Kommunikation über Sozialleistungen;
  • Stärkung der Mechanismen für Mitarbeiter-Feedback;
  • Stärkere Förderung von Geschlechterparität und Chancengleichheit.

Einige Ergebnisse bestätigten bereits etablierte gute Praktiken. Andere zeigten Potenziale auf, in denen ein kontinuierliches Engagement und eine fortgesetzte Zusammenarbeit zu Verbesserungen beitragen könnten. Beides liefert wertvolle Erkenntnisse.

Je besser die Transparenz über Lieferketten ist, desto besser lassen sich Chancen erkennen, Verbesserungen anstoßen und zukünftige Maßnahmen priorisieren.

Die Messung sozialer Auswirkungen beginnt vor Ort

Die Methoden zur Nachhaltigkeitsbewertung entwickeln sich kontinuierlich weiter.

Seit Jahren haben Unternehmen ihre Fähigkeiten zur Messung und Offenlegung von Umweltauswirkungen ausgebaut. Die Bewertung sozialer Auswirkungen eröffnet eine weitere Möglichkeit, die Materiallieferketten und die realen Lebensrealitäten der Menschen dahinter besser zu verstehen.

Dieses Pilotprojekt setzt zudem die Tradition von Interface fort, neue Ansätze für mehr Transparenz zu erforschen. So wie Umweltdeklarationen unser Verständnis der Auswirkungen von Produkten erweitert haben, kann die Bewertung sozialer Aspekte eine weitere Dimension der Materialgeschichte beleuchten.

Für Architekten und Planer ist dies von Bedeutung, da jede Spezifikationsentscheidung Auswirkungen hat. Die Nachfrage beeinflusst die Lieferketten. Und Lieferketten beeinflussen Menschen und Gemeinschaften.

Niemand muss dafür zum Experten für globale Lieferketten werden. Doch einige Fragen können helfen, Materialien ganzheitlicher zu betrachten:

  • Woher stammen die Rohstoffe eines Produkts?
  • Was wissen wir über die Menschen, die an der Materialbeschaffung und -verarbeitung beteiligt sind?
  • Wie arbeitet der Hersteller langfristig mit seinen Lieferanten zusammen?
  • Welche Informationen gibt es über die Umweltauswirkungen hinaus?
  • Inwiefern unterstützt dies verantwortungsbewusste Beschaffungs- und Spezifikationsentscheidungen?

Die Pilotstudie von Interface zeigt, wie Informationen zu sozialen Aspekten zu einem umfassenderen Verständnis der Materialbeschaffung und zu mehr Transparenz beitragen können.

Denn echte Transparenz bedeutet nicht nur, mehr über Materialien zu wissen. Fundiertere Spezifikationsentscheidungen erfordern ein besseres Verständnis sowohl der ökologischen als auch der sozialen Auswirkungen, die dahinterstehen.