Chris Middleton von Kinzo Berlin über gute Arbeitsplätze

Was macht einen guten Arbeitsplatz aus? Und wie schafft man es, eine 24.000 Quadratmeter große Bürolandschaft „menschlich“ zu gestalten? Darüber und über das Projekt „50Hertz“ sprachen wir mit Chris Middleton, Gründer von Kinzo Berlin.


Herr Middleton, was macht einen guten Arbeitsplatz aus?

Chris Middleton: Ein guter Arbeitsplatz zeichnet sich vor allem durch funktionale Aspekte aus: Er muss gut erreichbar und optimal beleuchtet sein, eine angenehme Akustik aufweisen und ergonomisch sinnvoll gestaltet werden. Natürlich muss auch ausreichend Platz für alles vorhanden sein, was man im Arbeitsalltag braucht. Darüber hinaus sollte den Arbeitsplatz eine stimmige Atmosphäre prägen. Das bedeutet unter anderem, dass widergespiegelt werden soll, für wen man arbeitet und was für eine Tätigkeit man verrichtet. Bei Arbeit, die einen hohen Grad der Fokussierung erfordert, sollte der Arbeitsplatz außerdem eine Atmosphäre bieten, die dieses fokussierte Arbeiten unterstützt. Andererseits sollte durch die Atmosphäre am Arbeitsplatz auch Teamarbeit gefördert werden. In jedem Fall sollten Arbeitsplätze individuell für das jeweilige Unternehmen gestaltet werden – auf diese Weise wird auch die Identifikation des Mitarbeiters mit dem Unternehmen gestärkt. Zusammenfassend kann man sagen, dass gute und moderne Arbeitsplätze individuell sowie marken- und unternehmensgerecht gestaltet werden sollten.


Im neuen Netzquartier des Stromübertragungsnetzbetreibers 50Hertz in Berlin haben Sie unter anderem die Arbeitsplatzgestaltung konzipiert. Wie schafft man es, eine 24.000 Quadratmeter große Bürolandschaft „menschlich“ zu gestalten?

Middleton: Eine funktionale und zugleich atmosphärische Arbeitsplatzgestaltung sollte von Abwechslung geprägt sein. Wir wollen keine eintönige Bürowüste, sondern abwechslungsreiche, interessante und individuelle Bürolandschaften gestalten – so auch bei dem Projekt 50Hertz in der Europacity hier in Berlin. Dort sind auf 24.000 Quadratmetern unterschiedliche Orte für die verschiedenen Formen der Arbeit entstanden. Ziel war es, dass die Nutzer nicht die große Fläche vor Augen haben, sondern in erster Linie immer die eigene Zone sehen, in der sie arbeiten und sich bewegen. Die „Verkehrswege“ sind so gestaltet, dass ein abwechslungsreicher Pfad entsteht, keine „Autobahn“ einzig zur Durchwegung. Wir erreichen das dadurch, dass wir verschiedene Nutzungsmöglichkeiten überlagern. So sieht ein Flur beispielsweise nicht aus wie ein Flur, sondern wie eine großzügige Fläche, die von verschiedenen Seiten für verschiedene Zwecke mit einbezogen werden kann. Es entsteht eine Nutzungsmischung, in der die Durchwegung nur ein Teil des Angebots ist. Für das Projekt 50Hertz haben wir mithilfe eines Interface-Teppichs eine Art „changierenden Pixelteppich“ kreiert. Entstanden ist eine großzügige Fläche, die nicht monoton wirkt und auch optisch signalisiert, dass sie nicht monofunktional ist.

Wurden bei der Innenraumgestaltung die Mitarbeiter von 50Hertz einbezogen oder bestimmte Aspekte durch Mitarbeiter-Befragungen vorab analysiert?

Middleton: Es gab bereits bevor wir zum Projekt hinzugezogen wurden ein sehr aufwändiges Beteiligungsverfahren mit den Mitarbeitenden. Dabei wurde eruiert, welche Bereiche die Mitarbeitenden wo haben möchten, wie gemeinschaftliche bzw. Team-Flächen aussehen sollten und vieles mehr. Wir haben die Ergebnisse aus diesem Verfahren dann konkretisiert, verschiedene Systeme und Möbelkonstellationen geprüft und mit einem Kernteam von 50Hertz bewertet. Im Ergebnis sind wir dann unter anderem zu einem flexiblen Möbelsystem gekommen, das den meisten Wünschen gerecht wird. Es ist in drei Farbfamilien verfügbar – und jeder Mitarbeitende konnte sich für eine der drei Optionen entscheiden. Das hat gut funktioniert und kam sehr gut an. Auch skeptische Mitarbeitende haben sich letztendlich von dem Konzept überzeugen lassen und fanden es toll, Ihre zukünftige Arbeitswellt so aktiv mitgestalten zu können.

Welchen Einfluss haben die verwendeten Materialien auf den Nutzer?

Middleton: Wir sind sicher, dass die Materialien einen großen Einfluss auf die Nutzer haben. Wahrscheinlich ist das vielen Mitarbeitenden gar nicht so bewusst, aber unbewusst und subtil nimmt wohl jeder wahr, ob eine Oberfläche kalt oder warm ist, ob ein Material natürlich, hart oder weich ist. Ein hochfloriger Teppich im Meetingraum vermittelt beispielsweise ein anderes Gefühl als am normalen Arbeitsplatz. Wir spielen bei unseren Projekten, so auch bei Projekt 50Hertz, mit den Materialien.Zum Beispiel ragt der hochflorige Teppich aus den Meetingräumen heraus und verlängert dadurch die Meetingraumzone optisch – de facto ist der Bereich durch eine Glaswand abgetrennt. Die Materialien geben auf subtile Art und Weise einen Hinweis darauf, ob ein Bereich gemeinschaftlich genutzt oder der Arbeitsplatz einer bestimmten Person ist. Die gemeinschaftlich genutzten Bereiche sind mit bunten Stoffen gestaltet, während die Arbeitsbereiche eher grau und schwarz gehalten sind – so wird direkt erkennbar, wo Teamflächen sind und wo sich der Einzelne selbst verwirklichen kann.

Wirklich besonders ist bei 50Hertz der große Außenbereich mit verschiedenen Zonen, die bei schönem Wetter als Meetingraum oder Telefonierzone genutzt werden können. Auch konzentriertes Arbeiten ist hier möglich. Die Bereiche sind entsprechend möbliert und bieten an ihrem jeweiligen Endpunkt auch eine Gemeinschaftszone. Statt, wie üblich, die Gemeinschaftsflächen in der dunklen Mittelzone des Büros anzuordnen, treten sie bei diesem Projekt nach außen an die Fassade und sogar in den Außenraum hinaus – dadurch wird das Raumkonzept einzigartig und abwechslungsreich.

Stichwort Nachhaltigkeit: Wie wichtig ist Ihnen dieser Aspekt in Ihren Projekten? Gab es bestimmte Nachhaltigkeitskriterien, die von Bauherrenseite gefordert waren?

Middleton: 50Hertz hat für das Gebäude in der Europacity sowohl die DNGB- als auch die LEED-Zertifizierung in Gold und zusätzlich als erstes Gebäude weltweit den „DNGB Diamant“ erhalten – eine spezielle Auszeichnung für hohe nachhaltige Gestaltungsqualität. Nachhaltigkeit ist immer wichtig, aber in diesem Fall noch umfassender betrachtet. Eine gute und durchdachte Gestaltung erzeugt ja auch Nachhaltigkeit – ein Gebäude kann noch so nachhaltig geplant sein und hinsichtlich der Haustechnik alle Anforderungen erfüllen; wenn es aber gestalterisch kein hohes Niveau bietet, will man es nach spätestens zehn Jahren nicht mehr sehen. Und dann ist es hinsichtlich der Gestaltung eben nicht nachhaltig. Im Falle von 50Hertz wurde die Nachhaltigkeit auch durch die Gestaltung erreicht und genau das reflektieren die Auszeichnungen – sehr zur Freude des Bauherrn, des Architekten LOVE architecture aus Graz und natürlich auch von uns. Davon abgesehen bemühen wir uns immer, innerhalb des Kostenrahmens so nachhaltig wie möglich zu arbeiten – auch über die Gestaltung hinaus. Deshalb freuen wir uns, wenn wir natürliche, nachwachsende Materialien verwenden können, die zudem eine herausragende Haptik und damit die angestrebte individuelle und stimmige Atmosphäre bieten.