‚From Parts to Arts‘

Wir Designer befinden uns im sogenannten „Long-Near“-Zeitalter, wie es das Londoner ‘Future Laboratory’ getauft hat. In der aktuellen Epoche gehen diejenigen, die etwas bewirken wollen, nicht nur gedanklich sondern auch durch Taten als gutes Beispiel voran. Sie denken nicht nur an ihre eigene Lebensspanne, sondern an die langfristigen Auswirkungen ihres Verhaltens und daran, wie sie die Welt zurücklassen wollen − für die nächsten Jahrhunderte.

Doch was bedeutet all dies in der Praxis? Der Objektdesigner Trent Jansen ist ein hervorragendes Beispiel.


Zum Handeln anregen

Der australische Designer und Design-Anthropologe Trent Jansen hat mit seinem neuesten interdisziplinären, kulturübergreifenden Kollaborationsprojekt „Porosity Kabari“(übersetzt: Poröser Müll) weltweit für Aufsehen gesorgt. Während des dreiwöchigen auf dem Flohmarkt ‘Mumbai Chor Bazaar’ in Indien durchgeführten Projekts ließ Trent Jansen sein australisches Leben, seine Erfahrungen und die ihm vertrauten Methoden vorübergehend hinter sich, um in das relative Chaos der indischen Wiederverwertungskultur einzutauchen.

Weil er ausschließlich Materialien und Verarbeitungsprozesse verwendete, die er auf dem Basar fand, eignete sich Jansen durch Experimentieren und regen Austausch mit Verkäufern und Handwerkern auf dem Markt eine vollkommen neue Designmethode an.

Angesichts der unglaublich hohen Geschwindigkeit, die auf dem Markt herrscht, des Überlebenswillens, der in den Herzen, Köpfen und Händen der Verkäufer brennt, und der kulturellen Philosophie namens Jugaad (“Mache das Beste aus dem, was du hast.”), sah sich Trent Jansen gezwungen, die bekannten Design-Prinzipien und Methodiken in Frage zu stellen.

Während der Rest der Welt mit den Umweltfolgen geplanter Produktalterung und der Wegwerf-Konsumkultur kämpft, steht in Indien der kreative Umgang mit Ressourcen an der Tagesordnung“, bemerkt er.

Während der täglichen Marktbesuche beobachteten Jansen und die übrigen Teilnehmer des Projekts die Abläufe und verarbeiteten das Erlebte, indem sie selbst neue Ideen entwickelten und aus spontanen und zufälligen Entdeckungen heraus neue Formen, Techniken und Materialien improvisierten.

Wie wird aus einer Sache etwas anderes?“, fragt Trent Jansen. „Das ist das Kernstück des nachhaltigen Designs in einer Gesellschaft wie Indien, in der bestimmte Ressourcen knapp sind, in einer Gesellschaft, die sich nicht auf gleiche soziale Absicherung wie Industrieländer stützen kann, wo das Überleben von der eigenen Kreativität und dem eigenen Einfallsreichtum abhängt.

Wenn jede Handlung von heute, noch in Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten ein spürbare Auswirkung hat, welches Vermächtnis möchten Sie dann hinterlassen?

Auf diesen Basaren wird vielen nützlichen Dingen ein zweites Leben geschenkt. So werden etwa Armaturenbretter spontan in Kochgeräte umgewandelt oder alte Kleidungsstücke zu Decken für Schlangenbeschwörer zusammengenäht.

Die Ergebnisse des Projekts ‘Porosity Kabari’ sind reichhaltig und vielfältig. Jansens finales Werk 'Dropping a Kumhar Wala Mudka' (in Anlehnung an Ai Wei Weis Kunstwerk ‘Dropping a Han Dynasty Urn’), würdigt die feine Handwerkskunst des Töpfers Kumhar Wala, der einer der begabtesten Tonkünstler der Welt ist und gleichzeitig einer der niedrigsten Kaste Indiens angehört. Das Werk 'Work in Progress for a Better Tomorrow' des am Projekt beteiligten Künstlers Ishan Khosla besteht aus einer Bank mit einem Gerüst, die durch ihre Form und Struktur als Kommentar zu einem Land zu verstehen ist, das sich ständig im Umbau befindet. Dagegen konzentriert sich das Werk '1:√2 CHARPAI FOR MUMBAI' des Künstlers und Architekten Professor Richard Goodwin auf die Verbindung des klassischen Motorrollers mit dem indischen Charpai-Bett.

Die exotische Materialpalette kombiniert mit der schnelllebigen Zeitlosigkeit, die zu beobachten ist, der unkontrollierten Improvisation und den spontanen Ergebnissen sind eine Hommage an ‘Jugaad’. Jansen nennt sie „Meisterwerke der radikalen Umwandlung“.

Diese soziokulturelle Design-Reise hat Trent Jansen und die anderen Projektteilnehmer dauerhaft geprägt. Und scheinbar ganz nebenbei hat das Projekt der internationalen Designer Community auf inspirierende Weise gezeigt, wie man im Design einen nachhaltigeren, einfallsreicheren Ansatz wählen kann. Allein das wird einen bleibenden Einfluss haben.

Weitere Einzelheiten zu dem Projekt finden Sie unter trentjansen.com/projects.

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