Mies van der Rohes einzigartiges Erbe in Krefeld

Vergangenheit und Gegenwart trafen sich am 17. November beim Eröffnungsevent des neuen Interface Office im Mies van der Rohe Business Park auf eine charismatische Weise: Mies van der Rohes Enkel – Dirk Lohan – hielt einen Vortrag über den wahrscheinlich einflussreichsten Architekten der Moderne. Die Ähnlichkeit zum Großvater war auf den ersten Blick offenbar – ebenso wie die Wertschätzung für Mies Werk, mit der der Amerikaner die Bedeutung von Mies van der Rohes Bauten in Krefeld den Besuchern des Events nahebrachte.

Dirk Lohan, 78 Jahre alt und selbst Architekt, kam zur Eröffnung des neuen Interface-Office nach Krefeld. Er konnte seinen Besuch mit seiner Arbeit zur Neuen Nationalgalerie in Berlin verbinden. Sein erkenntnisreicher und einnehmender Vortrag ordnete die Bedeutung von Mies’ Entwurf für die Industrie- und Bürobauten für die VerSeidAG in einen größeren Zusammenhang ein – und zeigte, dass Krefeld mit den Bauten, dem jetzigen Mies van der Rohe Business Park, ein einmaliges Industriedenkmal besitzt.

Das Besondere des VerSeidAG-Areals nahm Lohan gleich vorweg: Es ist der einzige Industriebau weltweit, den Mies van der Rohe entworfen und gebaut hat. Der Textilpark für die „Vereinigte Seidenweberei Aktien Gesellschaft“ entstand ab 1930 und bestimmte maßgeblich die Geschichte von Krefeld.

Ähnlichkeiten in der Aufgabe sieht Lohan im Gesamtplan für den Campus des Illinois Institute of Technology (IIT) in Chicago, den Mies 1941 erstellte. Im Vortrag zeigte er eine alte Fotomontage, die die städtebauliche Einbindung des großflächigen Campus in die vorhandene Stadtstruktur zeigte – ähnlich der Einbindung des VerSeidAG-Areals in Krefeld.

Zum Einstieg warf Lohan einen Blick auf die frühen Werke von Mies: Das Haus Riehl, Mies’ Erstlingswerk, das wenig repräsentativ und eher versteckt auf einem Hang liegt. Gebaut wurde es um 1907 als Sommersitz für den Philosophieprofessor Alois Riehl. Lohan erläuterte, wie Mies hier noch klassisch herrschaftlich baute, unter anderem mit (Fledermaus-)Gauben.

Über weitere Stationen aus Mies Werk schlug Lohan den Bogen nach Krefeld und den Häusern Esters und Lange, die von den Gründern der Vereinigten Seidenwebereien AG Hermann Lange und Josef Esters in Auftrag gegeben wurden. Mies Formensprache hat sich gewandelt. Was er mit seinem Konzept für das Haus Wolf in Guben schon erarbeitet hatte, manifestiert sich nun auch in Krefeld: Seine Entwürfe für die Häuser Lange und Esters zeigen flache Dächer, kubische Volumen und eine geometrische Klarheit ohne Dachüberstände und Erker.

Während Mies seine Idee des offenen, fließenden Grundrisses in den Krefelder Häusern nur eingeschränkt verwirklichen kann, stellen die deckenhohen Fenster im Haus Lange eine Weiterentwicklung dar. Ihre Vollendung finden sie in der Glasfront von Haus Tugendhat, auf das Dirk Lohan als nächstes in seinem Vortrag einging. Mit dem Haus Tugendhat gelingt Mies auch eine radikale Offenheit des Grundrisses, der sich bis in die Landschaft hinaus erweitert.

Über Merkmale weiterer Meilensteine aus Mies Werk, wie dem Barcelona-Pavillon oder dem Farnsworth Haus, schlug Lohan immer wieder gedankliche Verbindungen nach Krefeld, zu den Häusern Esters und Lange – und am Ende wieder zum Ort des Vortrags, dem Mies van der Rohe Business Park.

Dirk Lohan gelang mit seinem Vortrag ein würdiger Auftakt der feierlichen Abendveranstaltung zum Eröffnungsevent. Besonders spürbar wurde die Beziehung zum Großvater, mit dem er auch eng zusammenarbeitete. Er selbst bleibt als Architekt seiner Philosophie, dass Architektur nicht nur auf ökonomische, sondern auch auf soziale Bedingungen reagieren muss, bis heute treu.

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